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KOZ - Die Kommentarzeitung

Denk ich an Gmünd...

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 Gmünd stirbt. Ein langsamer und dennoch wenig grausamer, vielleicht gar lieblicher Tod zwingt die ehemalige Reichsstadtherrlichkeit allmählich in selbstquälerisch süße Agonie und  nicht wirklich um Erlösung heischend auf die nur wenig bußfertigen  Knie.

Am Fuße der Alb vor der herrlichen Kulisse der drei Kaiserberge gelegen, siecht die stolze Stauferstadt seit Jahrhunderten allmählich in die Bedeutungslosigkeit. Unbemerkt von der eigenen Bevölkerung – schleichende Veränderungen wirken nur allmählich ins Bewusstsein und sind dafür unumkehrbar – und umso schärfer von den Nachbarn klar erkannt und wahrgenommen wurde die Gemeinde zum Ziel von Spott und Häme.

Schon in römischer Zeit unmittelbar südlich des Limes gelegen – der Grenzanlage des römischen Imperiums gegen die anflutenden barbarischen germanischen Stämme – gelangte es als Garnisonsflecken an der   Grenze zwischen freiem Germanien und Nahtstelle der römischen Provinzen Obergermanien und Raetien zu einigermaßen strategischer Bedeutung schon in früher geschichtlicher Zeit. Bereits damals wurden   die ersten Grundsteine einer für die zivilisatorische Entwicklung Deutschlands bedeutsamen Siedlung in einigermaßen hochwassersichere Hanglagen des regelmäßig von dem Flüsschen Rems überfluteten Tals versenkt.

Nähert sich heute ein Besucher mit dem Automobil der Stadt – gleichgültig ob von Westen oder Osten oder Norden oder Süden – hat er erst einmal ausgiebig Zeit, sich in die verkehrstechnisch prekäre Lage der Stadt hineinzuversetzen. Der zu gängigen Tageszeiten übliche Stau auf der Durchgangs- und Bundestrasse B29 gibt ihm dazu reichlich Gelegenheit.

Fährt man von Norden oder Süden in den Talkessel ein, so rühren idyllische Lage und nostalgischer Blick auf die Reste der mittelalterlichen Wehranlage das Herz   geschichtsbewusster Betrachter. Kommt man dagegen von Westen oder Osten findet man sich unmittelbar im engen Straßenschlauch, der den Verkehr der viel befahrenen Bundesstraße kanalisiert und im Schritttempo durch die Stadt führt. Auf dieser Route ist leider der tröstliche Blick auf die Stadt nicht möglich und ortsfremde Besucher sehen dann mit Erleichterung das Schild auftauchen, das ein Ende der Stadt und damit das Ende des Staus ankündigt.

Seit Jahren bemühen sich die Gmünder um ein Ende dieser Zustände. Sie fordern von Bund und Land einen Tunnel unter ihre schöne Stadt, der bisher mit schöner Regelmäßigkeit immer wieder zugesagt und dann aus Mangel an Penunze regelmäßig wieder abgesagt wurde. Auch jetzt wurde den geplagten Bürgern der Beginn des Baus rechtzeitig vor anstehenden Wahlen wieder mal zugesagt. Schaun mer Mal.

Für eventuelle sinnvolle Übergangsregelungen sind die Gmünder nicht zu gewinnen. Schlau wie sie sind, rechnen sie bei einer klugen Lösung mit der Möglichkeit solcher als dauernde Einrichtung. Also lieber noch ein paar Jährchen durchhalten.

Taucht ein vom Blick aus der Höhenlage Betörter ins Zentrum der Stadt erkennt er die Täuschung. Das Versprechen aus der Ferne entpuppt sich als Illusion.

Nur sechs der stolzen Wehrtürme stehen noch und verschämte Fragmente der Stadtmauer tauchen hie und da auf. Sie wieder in den Blickpunkt zu rücken wird in neuerer Zeit versucht. Deutlich erkennbar hingegen der gründlich misslungene Versuch einer ästhetischen Paarung von junger und alter Architektur.

Dort, wo der Abrissbagger gründlich gewütet hat – oft mitten zwischen historischer Bausubstanz – wurden unter Ausnutzung jedes Quadratzentimeters Baugrund geschmacklose und Profit versprechende Gebäude hochgezogen.

In typisch schwäbischer Sparsamkeit – vermutlich haben die Bürger Gmünds den Ruf dieser landesüblichen Tugend nach der Übernahme durch das lutherisch geprägte Land maßgeblich mit aufgebaut - wurde nach dem Abriss der Wehrmauer um Mitte des neunzehnten Jahrhunderts die so entstandene nach neuer Bebauung schreiende „Baulücke“ rund um die Altstadt mit adretten Bürgerhäusern geschlossen. In gewohnt gründlicher Manier wurde so jeder öffentliche Grünstreifen in unmittelbarer Stadtnähe für die Bürgerschaft unwiderruflich abgeschafft. Bis zum heutigen Tag mangelt es Gmünd daher an  großzügigen Stadtparkflächen, wie sie in Städten vergleichbarer Größe sonst üblich sind.

Bis 1802 schmückte sich Gmünd mit dem Titel „Freie Reichsstadt“. Vorher Jahrhunderte rein katholisch und selbstherrlich regiert, war sie dem pietistischen württembergischen Umfeld schon durch die große Anzahl seiner kirchlichen Feiertage und seine ausgeprägte Festfreude äußerst suspekt.

Bei der Übernahme der Stadt durch das von Napoleons Gnaden vom Herzogtum zum Königreich Württemberg geadelte Ländchen stellt denn auch Finanzminister von Malchus noch Jahre später fest: „Schweigen Sie mir von ihrem elenden Gmünd. Mit diesem Lumpennest haben wir eine sehr schlecht Acquisition gemacht.“

Verantwortlich für die Geringschätzung der neuen Landesherren war der schon Jahrzehnte zuvor in der städtischen Verwaltung eingerissene Schlendrian, der viele Jahre lang die Beraubung der städtischen Kassen durch wenige Bevorzugte ermöglicht hatte. Und darüber wurde nicht einmal ordentlich Buch geführt. Schadlos für die erhofften und nicht vorhandenen Steuereinnahmen des geldgierigen Landes hielt sich die neue Regierung durch die so genannte Säkularisation. Große Teile der Kirchengüter der an Klöstern reichen Stadt wurden ersatzlos eingezogen und der vorhandene Kirchenschatz eingeschmolzen. Eine kulturgeschichtliche Barbarei von außen, die die Gmünder im Laufe der Zeit freiwillig und begeistert übernahmen und die sie später noch übertreffen sollten.

Hatte doch Kaiser Karl V. im sechzehnten Jahrhundert bereits weitschauend verfügt, dass die im Lauf der Jahrhunderte einigermaßen demokratisch eingefärbte Verfassung der Stadt aufgelöst und eine erbliche Adelsherrschaft für Jahrhunderte etabliert wurde. Damit wurde das Schicksal der Stadt in weniger tüchtige als selbstsüchtige Hände gelegt, die sich untereinander durch Heiraten und geschäftliche Aktivitäten inzestuös  verbanden. Zum Nachteil der ansässigen arbeitenden Bevölkerung, aber auch zur nachteiligen Entwicklung einer ganzen Stadt, die letztendlich auf die völlig korrupten Verursacher zurückwirken sollte.

Diesem traurigen Abschnitt der Geschichte der Stadt vorausgegangen war ein Zwischenhoch. Eine zarte Blüte erwuchs aus handwerklichem Geschick. Die ehrwürdige Kunst der Schmuckherstellung weckte die Stadt noch ein Mal aus  katholischem  Dornröschenschlaf. 

Mit Geschick und kaufmännischem Sinn für die Möglichkeiten, die der Umgang mit Edelmetallen bei geringer werdenden Gewinnen schuf, verringerten die Gmünder Gold- und Silberschmiede einfach den Feingehalt der in alle Lande vertriebenen Schmuckstücke. Bis der Ruf der Gmünder Waren so sehr geschädigt war, dass verschiedene Käufer sich weigerten, weitere Ware aus der frommen Stadt anzunehmen. Der damals entstandene Ruf „Nix isch mender als a Gmender“ erhielt sich bis in die Gegenwart und bezieht sich bei den Nachbarn in heutiger Zeit nicht mehr auf die Produkte der Stadt. Bezeichnend, dass die Gmünder selbst diesen Spruch nicht kennen oder nicht zu kennen vorgeben.

So war der Ruf, der Schwäbisch Nazareth vorauseilte - wie es landauf landab von seiner evangelischen Umgebung genannt wurde - zum Zeitpunkt seiner endgültigen Erschließung auch für Wüstgläubige schon genug geschädigt, als dann endgültig die neue Zeit anbrach.

Seine reinkatholische Struktur hatte sich Gmünd in religiös unruhiger Zeit durch eine Reihe von brutalen Maßnahmen erhalten. Die im sechzehnten Jahrhundert in Deutschland grassierende Sucht nach einer volksnahen Religionsausübung hatte große Teile des Landes seiner angestammten  römisch-katholischen Konfession entfremdet. Mit Hilfe nominell dem Reich untertan aber eigentlich frei regierender Fürsten war das lutherische Bekenntnis in vielen deutschen Ländern zur Staatsreligion avanciert. Hilfreich bei diesem Siegeszug erwiesen sich diejenigen der deutschen Fürsten, die sich an den herrenlos werdenden Kirchengütern gütlich tun konnten und so ihrer eigenen Bereicherung frommen Vorschub leisteten. Diesem herrlichen Nebeneffekt neu definierter Frömmigkeit war wahrscheinlich der Siegeszug eines asketischen Pietismus zu verdanken, der die Arbeitsethik zum Gnadenerweis erhob. Weiteres willkommenes Nebenprodukt: Die religiös motivierte erhöhte Arbeitsleistung der Bevölkerung war für eine forcierte Steuererhebung unerlässlich.

Gmünd hingegen konnte sich mit Hilfe rechtzeitiger und genügender Hinrichtungen solch schändlicher Einstellung ausreichend erwehren. Zur zeitgemäßen Freude am blutigen Werk kam noch das göttliche Bewusstsein, dass alles gut getan sei. Belohnung des frommen Tuns war zusätzlich der Erhalt seiner sinnenfrohen Kultur in sonst arbeitwütiger Umgebung. Auch der Kaiser war mit dem gottgefälligen Werk sehr zufrieden. Dem guten Ruf allerdings schadete dies.

Glücklicher Weise mehr eingebettet in überkonfessionelle Gewohnheiten und überall gleich üblich sowie emsig betrieben war die Verfolgung der epidemisch verbreiteten Hexerei. Dem machte das gläubige Volk in allen Winkeln des fortschrittlichen Landes im wahrsten Sinne des Wortes Feuer unter die sündigen Füße. Auch hier – wie schon bei den beliebten vorangegangenen Säkularisationen – die angenehme Begleiterscheinung der Bereicherung. Ohne selbst sündig zu sein oder werden durften bei angeregter Unterhaltung im Keller bei üppiger Beköstigung und guten geistigen Getränken leichtgeschürzte Frauen und Mädchen nach Lust und Laune ein bisschen gefoltert oder etwas vergewaltigt werden. Das damals noch unterentwickelte Fernsehen machte solche Formen der Unterhaltung für den gelangweilten Geistlichen und seine Frommen Brüder zur immer unentbehrlicheren Notwendigkeit. Dass dabei für Generationen Vermögen geschaffen wurden, deren Nutznießer noch heute davon zehren, zeugt von deren Rechtmäßigkeit. Für Gmünd von Vorteil bleibt bis zum Tag, dass die damals erstellten Akten über diese notwendigen Werke schon im achtzehnten Jahrhundert den Weg ins Altpapier fanden.

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